Superfood - Wie essen unsere Gefühle bestimmt

Aktualisiert: Juni 27



In zahlreichen Studien haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren herausgefunden, dass Lebensmittel auf hochkomplexe Weise unsere Psyche beeinflussen. Vor allem vier Aspekte haben sie bisher identifiziert:

• Sinneswahrnehmung

Die Nahrungsaufnahme ist eine der wichtigsten Überlebensaufgaben überhaupt, so greift allein der Vorgang des Essens und Trinkens tief in Schaltkreise ein, die unsere Gefühle steuern. Schon der Geruch einer Speise, der Geschmack eines Getränks etwa können ganz unterschiedliche Empfindungen hervorrufen - von Lust und Freude bis zu Ekel und Überdruss.


• Unmittelbare Wirkung im Hirn

Manche Speisen enthalten Bestandteile, die vom Darm aufgenommen werden, über die Blutbahn das Gehirn erreichen und direkt auf das Denkorgan einwirken - fast wie Drogen. In Schokolade etwa stecken Substanzen, die den berauschenden Komponenten von Marihuana ähneln.


• Hormonsteuerung

Unsere Mahlzeiten liefern Zutaten für Botenstoffe, die unsere Emotionen regulieren. Zu einer Gruppe dieser Hormone, sogenannten Neurotransmittern, gehört beispielsweise Serotonin. Um dieses Hormon herzustellen, braucht der Körper ganz spezielle Moleküle - etwa bestimmte Aminosäuren, die in Lebensmitteln enthalten sind.


• Psychoaktive Bakterien im Darm

Was wir uns einverleiben, wirkt sich auf die Mikroben in unserem Darm aus. Die Einzeller ernähren sich von bestimmten Nahrungskomponenten und produzieren ihrerseits Substanzen, die sich womöglich auf unser Gemüt auswirken.

Ernährungsgewohnheiten prägen unsere Psyche


So beeinflusst jede Mahlzeit wie wir uns fühlen. Manche Effekte verfliegen nach ein paar Minuten oder Stunden. Andere Ernährungsgewohnheiten prägen über Wochen, Monate, ja vermutlich sogar Jahre mit, wie niedergeschlagen oder zuversichtlich wir die Welt sehen oder wie wir mit Stress und Problemen umgehen. So groß scheint die Wirkung von Nahrung auf die Psyche, dass manche Forscher mittlerweile glauben, dass es möglich ist, sich ein neues Lebensgefühl buchstäblich herbei zuessen.


Nimmt man es genau, dann beeinflusst Nahrung unsere Psyche, noch ehe wir den ersten Happen überhaupt zum Mund geführt haben. Mit unseren Augen prüfen wir die Farbe und Form der Speisen, die auf dem Teller vor uns liegen. Mit unserer Nase ziehen wir die komplexen Aromen ein, die von der Mahlzeit aufsteigen. Blitzschnell durchforstet unser Gehirn den Speicher aus Erfahrungen und Assoziationen, die wir mit dem entsprechenden Essen verbinden: Haben wir etwas Vergleichbares schon einmal gekostet? Wenn ja: Wann und wo war das? Wie hat es uns geschmeckt? Und: Wie haben wir uns damals gefühlt?

Wenn wir zum Beispiel gestresst sind, vermag uns allein schon der Anblick und Geruch unserer Leibspeise merklich zu entspannen. Der dampfend warme Teller mit Spaghetti Napoli oder die knusprig-braune Kruste eines Schnitzels können Erinnerungen an die familiäre Geborgenheit von Mutters Küche oder an gemütliche Abende in einer Gaststätte aktivieren. Ohne dass wir uns dessen bewusst sein müssen, fühlen wir uns sicher, umsorgt, vielleicht gar ein wenig getröstet. Andere Mahlzeiten dagegen verstören uns.


Fett macht träge und Gummibärchen schlechte Laune


Die verschiedenen Stoffe im Essen entfalten ganz eigene Wirkungen. Manchen Effekt bemerken wir rasch nach dem Verzehr: Die Aufnahme von Fett macht uns zum Beispiel einige Zeit darauf träge. Essen wir etwa Bratwürste, lässt uns das darin enthaltene Fett leicht müde werden. Den genauen Grund kennen Forscher noch nicht: Doch unser Körper scheint - nachdem wir uns fettige Kost einverleibt haben - Botenstoffe auszuschütten, die schläfrig machen.


Wer dagegen eine Tüte Gummibärchen nascht, bekommt nach 15 bis 30 Minuten einen Energieschub: Sobald der leicht verdauliche Zucker massenweise in Form von Glukose durch die Darmwand tritt und mit dem Blut zum Gehirn und den Muskeln strömt, hebt sich die Stimmung, steigt die Konzentrationsfähigkeit. Allerdings verändert sich das Hoch nach ein bis zwei Stunden wieder, dann schwindet der kurzzeitige Energieschub, nicht selten sind wir plötzlich eher unkonzentriert. Der Grund: Die Muskeln und das Gehirn haben einen Großteil der Glukose aufgebraucht, der Zuckerspiegel im Blut fällt so rapide ab, wie er zuvor gestiegen ist. Und dabei verschlechtert sich oft auch merklich die Stimmung. Dies lässt sich vermeiden, wenn man anstelle von Süßigkeiten etwa Müsli mit Beeren isst. Denn Vollkorngetreide enthält komplexere Zuckermoleküle als Gummibärchen. Unser Verdauungstrakt braucht länger, um diese Moleküle in Glukose zu zerlegen. Und somit tritt die energiereiche Substanz langsamer durch die Darmwand ins Blut. Mithin verursacht der Verzehr keine extremen Ausschläge des Zuckerspiegels - und damit keine unangenehmen Schwankungen etwa der Konzentrationsfähigkeit.


Ein vorübergehendes Hoch verschaffen uns scharfe Speisen. Der biochemische Mechanismus dabei ist jedoch ein ganz anderer: Beißen wir in eine Chilischote, reizt etwa der darin enthaltene Wirkstoff Capsaicin die Zunge, es schmerzt fast so, als hätten wir uns verbrannt. Um die Qual erträglicher zu machen, schüttet das Hirn nun Stoffe zur Linderung aus: Diese Endorphine sind dem Betäubungsmittel Morphin ähnlich - sie dämpfen einerseits den Schmerz, andererseits versetzen sie uns in leichte Euphorie.


Bei manchen Lebensmitteln ist die Wirkung derart ausgeprägt, dass Menschen seit Jahrhunderten danach greifen, um ihre Gemütslage zu manipulieren. Die belebende Wirkung von Kaffee beispielsweise beruht darauf, dass das darin enthaltene Coffein Nervenzellen im Gehirn daran hindert, jene Botenstoffe zu erkennen, die eigentlich müde machen. Folglich fällt es uns leichter, wach zu bleiben. Und dass der Genuss von Schokolade manchen Menschen dabei hilft, die Welt gelassener zu sehen, war auch schon bekannt, lange bevor Lebensmittelchemiker die mögliche Ursache entschlüsselt haben: Kakaobohnen enthalten zahlreiche psychoaktive Substanzen, etwa Anandamide. Diese Stoffe lagern sich an die gleichen Stationen im Gehirn an wie die berauschenden Bestandteile von Marihuana. Zwar rufen die Anandamide keine Halluzinationen hervor wie Cannabis (zudem ist ihre Konzentration in Schokolade sehr gering): Dennoch reichen vielen Menschen einige Bissen aus, damit sich eine wohltuende Entspannung einstellt.

Quelle: geo.de


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